John Ronald Reuel Tolkien

Gedichte


Der Herr der Ringe
(DHdR, Bd. I, Die Schatten der Vergangenheit)

Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Ein Hoch! dem Bade, dem edlen Genuß
(DHdR, Bd. I, Eine entlarvte Verschwörung)

Ein Hoch! dem Bade, dem edlen Genuß,
Der abspült den Staub und des Tages Verdruß!
Ein armer Tropf und Schmutzfink heißt,
Wer Heißes Wasser nicht lobt und preist!

O! Zärtlich klingt des Regens Laut
Und das Rieseln des Baches Wiesenkraut,
Doch nimmer tut Regen und Bach so gut,
Wie Heißes Wasser im Zuber tut.

O Wasser kalt! Wohl trinken wir
Dich, eh wir verdursten, und danken dir,
Doch zum Trinken ist Bier eine bessere Gab',
Und Heiß Wasser soll fließen den Rücken hinab.

O! Wasser, das dem Springquell gleich
Gen Himmel steigt, ist wonnereich;
Doch niemals rauscht ein Springquell so süß,
Wie Heißes Wasser mir - platsch! - auf die Füß!

Am Feuer sitze ich und denk
(DHdR, Bd. I, Der Ring geht nach Süden)

Am Feuer sitze ich und denk
An alles, was ich sah,
Und Sommerzeit und Falterflug
Von einst sind wieder da.

Altweiberfäden, gelbes Laub
Im Herbst, der damals war
Mit Morgendunst und blassem Licht
Und Wind auf meinem Haar.

Am Feuer sitze ich und denk,
Die Welt ist wunderlich,
Folgt auf den Winter doch der Lenz -
Dereinst nicht mehr für mich.

So vieles gibt es immer noch,
Das hab ich nie gesehn,
Ist anders doch in jedem Jahr
Des Grün des Frühlings schön.

An viele Menschen denk ich da,
Die sind schon längst nicht mehr;
Wird nach mir noch so mancher sein,
Der kümmert mich nicht sehr.

Doch wie ich da so sitz und denk,
Da horch in unverwandt
Nach lieben Schritten an der Tür
Und Stimmen wohlbekannt.

Der Herd ist rot von Feuersglut
(DHdR, Bd. I, Drei Mann Hoch)

Der Herd ist rot von Feuersglut,
Das Bett steht unterm Dach und gut;
Doch müde ist noch nicht der Fuß,
Dort um die Ecke, welch ein Gruß,
Steht überraschend Baum und Stein,
Von uns entdeckt, von uns allein.
Baum und Blume, Laub und Gras,
Was soll das? Was soll das?
Unterm Himmel Berg und See,
Gehe nur, geh! Geh nur, geh!

Ja, um die Ecke, kommt uns vor,
Das steht geheimnisvoll ein Tor,
Und was wir heute nicht gesehn,
Das ruft uns morgen, fortzugehn
Und führt uns, fremd und ungewohnt,

Bis hin zur Sonne, hin zum Mond.
Apfel, Schlehe, Dorn und Nuß
Gilt der Gruß! Gilt der Gruß!
Sand und Stein und flache Sohl,
Lebewohl! Lebewohl!

Daheim verblaßt, die Welt rückt nah,
Mit vielen Pfaden liegt sie da
Und lockt durch Schatten, Trug und Nacht,
Bis endlich Stern um Stern erwacht.
Dann wiederum verblaßt die Welt -
Daheim! Wie mir das Wort gefällt!
Wolke, Zwielicht, Nebeldunst,
Ohne Gunst! Ohne Gunst!
Fleisch, Brot und Kerze auf dem Brett,
Und dann zu Bett! Und dann zu Bett!

Stand einst daheim der Abend grau
(DHdR, Bd. I, Galadriels Spiegel)

Stand einst daheim der Abend grau,
Vernahm man seinen leichten Tritt;
Dann ging er fort vor Tag und Tau
Auf weite Fahrt, nahm keinen mit.

Von Wilderland zum Westmeer hin,
Von Nord bis Süd die Reise ging
Durch Drachentor und finstre Furt
Und Wald, der voller Schatten hing.

Mit Zwerg und Hobbit, Elb und Mensch
Sprach er in ihrem Mutterlaut,
Mit Vögeln sprach er und Getier
Und war mit jedem wohlvertraut.

Der Rücken von der Last gebeugt;
Posaunenstimme; sanfte Hand
Voll Heilkraft; tödlich scharfes Schwert:
So zog der Pilger überland.

Ein weiser König, hochgemut,
Er zürnte schnell, er lachte bald;
Ein Mann im abgetragnen Hut
Am Wanderstab, gebückt und alt.

Er hielt die Brücke, er allein,
Da brach sein Stab - da wuchs sein Ruhm
Trotz Unterwelt und Flammenschein
Bei seinem Tod in Khazad-dûm.

Schnee-Weiß! Schnee-Weiß! O Herrin hold
(DHdR, Bd. I, Drei Mann Hoch)

Schnee-Weiß! Schnee-Weiß! O Herrin hold
Fürstliche Fraue hochgestellt,
O Licht uns Pilgern hier imSold
Inmitten der verworrenen Welt.
Gilthoniel! O Elbereth!
Dein Auge klar, dein Atem rein!
Schee-Weiß! Schnee-Weiß! Wir denken dein,
Ferne bist du und wir allein.
O Sterne, ausgesäet von ihr
Im sonnenlosen Weltenjahr,
Wir sehen sie auch noch von hier
Wie Blumen blühen wunderbar.
O Elbereth! Gilthoniel!
Im Dunkel leuchtest Du uns hell
Noch aus der Ferne, ach, wir sehn
Dein Licht wie Trost am Himmel stehn.

Ai! laurië lantar lassi súrinen
(DHdR, Bd. I, Abschied von Lórien)

Ai! laurië lantar lassi súrinen,
Yéni únótimë ve rámar aldaron!
Yéni ve lintë yuldar avánier
mi oromardi lisse-miruvóreva
Andúnë pella, Vardo tellumar
nu luini yassen tintilar i eleni
ómaryo airetári-lírinen.
Si man i yulma nin enquantuva?

An sí Tintallë Varda Oiolossëo
ve fanyar máryat Elentári ortanë
ar ilyë tier unduláve lumbulë;
ar sindanóriello caita mornië
i falmalinnar imbë met, ar hísië
untúpa Calaciryo míri oialë.
Sí vanwa ná, Rómello vanwa, Valimar!

Namárië! Nai hiruvalye Valimar.
Nai elyë hiruva. Namárië!

Ah! wie Gold fallen die Blätter im Wind
(DHdR, Bd. I, Abschied von Lórien)

Ah! wie Gold fallen die Blätter im Wind
lange Jahre zahllos wie die Schwingen der Bäume!
Die langen Jahre sind vergangen
wie rasche Schlucke des süßen Mets in hohen Hallen
jenseits des Westens unter den blauen Gewölben von Varda,
worin die Sterne zittern beim Gesang ihrer Stimme, heilig und königlich.
Wer nun soll den Becher für mich füllen?

Denn nun hat die Entzünderin, Varda,
die Königin der Sterne vom Berg Immerweiß,
ihre Hände wie Wolken gehoben,
und alle Pfade sind tief im Schatten versunken:
und aus einem grauen Land kommend,
liegt Dunkelheit auf den schäumenden Wogen zwischen uns,
und Nebel deckt die Edelsteine von Calacirya auf immerdar.
Verloren nun, verloren für jene aus dem Osten ist Valimar!

Lebewohl! Vielleicht wirst du Valimar finden.
Ja, vielleicht wirst du es finden. Lebewohl!